1. Januar VOM ABSTRAKTEN ZUM KONKRETEN

    KALENDER: Gideon Ståhlberg *1908-1967, schwed. GM – Fridrik Olafsson *1935, isländ. GM, FIDE-Präsident 1979-1982

    Spiegelbilder der Gesellschaft
    Unsere vertrauten Schachfiguren haben über eineinhalb Jahrtausende einen ungeheuer langen Weg zurückgelegt.
    Dabei mussten sie sich (wie Kunstwerke ganz allgemein) den gesellschaftlichen und religiösen Vorstellungen der Menschen anpassen. Blitzlichter bzw. Spotlights sollen diese Entwicklung aufzeigen.

    Aus der Zeit der Eroberung Persiens durch die Araber (642) sind bedauerlicherweise keine Schachfiguren erhalten. Wir können nur aus Quellenangaben schließen, dass sowohl indische wie auch persische Figurensätze eine gegenständliche Abbilung zeitgenössischer Armeen darstellten. Ganz verändert war die Situation im arabischen Raum. Wenn auch der Koran gegenständliche Kunst nicht prinzipiell verbot, so gab es doch deutliche religiöse Vorbehalte. Daher wurden nun ausschließlich abstrakte Spielfiguren hergestellt, die zudem den Vorteil der einfacheren Handhabung hatten. Keinesfalls bedeutete dies jedoch einen Mangel an Ästhetik oder Eleganz.

    Spanien, Süditalien und Sizilien kamen unter arabischer Herrschaft früh mit dem vielseitigen und variantenreichen Schach in Verbindung.
    Ob Russland über byzantinische Kaufleute, die die Flusssysteme von Wolga und Dnjepr entlangreisten, das Schach kennenlernte oder es vielleicht doch schon früher direkte arabische Einflüsse gab, lässt sich nicht sicher zu beurteilen. Jedenfalls wurden die arabischen Figurensätze spätestens zu Beginn des 1. Jahrhunderts durch gegenständlichere Formen ersetzt, die der Bildersprache des Christentums und der klassischen Antike entsprachen. Für König und Springer gab es direkte europäische Vorbilder, die übrigen Figuren wurden frei den herrschenden Gesellschaftssystemen angepasst. Zwei Beispiele sollen den Wandel vom Abstrakten zum Gegenständlichen verdeutlichen.
    1) Figurenset Kaiser Karls des Großen (16 Stück erhalten), Süditalien, Elfenbein, 11. Jh.: Thematisch noch mit dem arabischen Raum verbunden (Streitwagen, Elefant), sind diese Figuren plastisch wunderbar ausgestaltet. (▪ -› 28. Jan.)
    2) Lewis-Schachfiguren (78 Figuren aus mehreren Sätzen), Hebriden, Schottland, Walross-Elfenbein, spätes 12. Jh.: Vermutlich wurden sie durch skandinavische Seeleute auf die Britischen Inseln gebracht. Sie stellen die berühmtesten mittelalter- lichen Spielfiguren dar, die vollständig ein europäisches Gesellschaftssystem wider- spiegeln: König, Königin, Bischof, Ritter (Springer) und Türme. Alle haben menschliche Züge, wenn auch einen überaus grimmigen bzw. kämpferischen Blick.
    Nur die Bauern sehen eher wie Grabsteine aus. Die Bischöfe, mit 10,2 cm Höhe die größten Spielsteine, tragen Bischofsstab und Bibel mit sich. Die Türme vermitteln den Eindruck von Berserkern. Alle Figuren sind detailliert mit Kleidung und Waffen dargestellt.
    Der Übergang von der abstrakten zur konkreten Spielfigurendarstellung war damit vollendet.

Quelle – pdf:

Schachkalender 26.01. proSchach.de
Schachkalender, Zitate, Schachanekdoten und Schachgeschichte, Schachtageskalender 26.01.

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