22. März WIE GENIES DENKEN

KALENDER: Johann Wolfgang von Goethe †1832 – Larry Evans *1922, am. GM – Edmar Mednis *1937-2002, am. GM
Jan Smejkal *1946, tschech. GM

Schach ist der Prüfstein des Gehirns (Goethe, Götz von Berlichingen)

Bis heute umstritten ist die Frage, wie Genies denken.
Capablanca hatte seinerzeit eine ziemlich simple Antwort parat: Ich sehe nur einen Zug voraus, aber der ist immer der richtige.

ln der Tat eignet sich Schach wie kaum eine andere Tätigkeit als Testfeld der Kognitionswissenschaften. Denn Schachfähigkeiten können in Komponenten zerlegt werden, und zudem ist ein Rating nach Spielstärke möglich (-› 25./26. August).
Was nun sind die neuesten Erkenntnisse, wie sie de Groot, Simon und Chase sowie Merö in ihren Arbeiten gewonnen haben?
Drei Resultate stechen heraus: A. Großmeister sehen keine fotografischen Stellungsbilder, sondern vielmehr allgemeine Beziehungsmuster zwischen den Figuren. B. Meister konzentrieren sich auf wenige, dafür aussichtsreiche Zugvarianten.

Präzise Berechnungen komplizierter Verzweigungsbäume können durch immense Datenspeicher der Großmeister abgekürzt werden (siehe Capablanca). Es gibt also eine Art auf Schach geprägtes Langzeitgedächtnis. Ein Vergleichsexperiment zum Gedächtnis wurde mit Spielern unterschiedlicher Stärke über 25 Jahre durchgeführt.
Dabei durften sich die Spieler ein Schach-Diagramm jeweils maximal zehn Sekunden lang einprägen. Bei einem Diagramm, das eine tatsächliche Partiestellung wiedergibt, erreichten starke Spieler wesentlich bessere Resultate als Anfänger, abhängig von ihrem Rating.
Bei Zufallsanordnungen dagegen unterschieden sich die Ergebnisse kaum voneinander.

Was sind die Schlussfolgerungen daraus?
Erinnerung ist ein Kriterium für Expertentum = Genie!
Fähigkeiten auf einem Gebiet sind nicht auf ein anderes übertragbar!

Denken erfolgt in Mustern oder Chunks (Brocken, Bündel, Happen)!
Der Mensch kann vermutlich nur 7 (+/- 2) solcher Chunks gleichzeitig im Kopf behalten.
Folglich müssen beim Schach diese Brocken hierarchisch abgespeichert werden,
was wiederum nur dann möglich ist, wenn viele Erfahrungswerte vorhanden sind.

Die gängige Expertenmeinung: Großmeister können auf 50000 bis 100000 solcher Chunks zurückgreifen.
Vermutlich geschieht dies durch Bildung von Mustern wie etwa
Stellung mit Fianchetto am Königsflügel, gedeckter Freibauer auf der 3. Reihe, Vorposten auf e5 usw.

Um Meisterstärke zu erreichen, sind mindestens zehn Jahre intensive Arbeit notwendig.
Dabei ist nicht nur Üben, sondern angestrengtes Üben erforderlich.

Fazit: Genies werden gemacht!
In jedem von uns steckt ein Genie! Wie alle haben das Potential zum Großmeister – wenn wir genug Zeit dafür aufwenden!



Quelle: -pdf.

Schachkalender 22.03. proSchach.de
Schachkalender, Zitate, Schachanekdoten und Schachgeschichte, Schachtageskalender 22.03.

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